Beschnittenes Leben

Wie einige in letzter Zeit verfolgt haben, wird sehr viel über die Beschneidung von ‚Knaben‘ gesprochen und diskutiert. Wieso eigentlich? Nun das Landgericht Köln hat dazu ein Urteil gefällt, dass Beschneidung nur erlaubt sein dürfe, wenn es eine medizinische Indikation vorliegt. Die Thematik tangiert  mich schon seit geraumer Zeit. Jedoch gab es bis dato nie großartig Gedanken oder Umstände die mich zu einer Diskussion oder einen tieferen Gedankengang genötigt haben.

Vor einiger Zeit diskutierten der @Donnerbeutel und einige mir nicht mehr bekannte Twitterer über diese Praxis. Dies allerdings unabhängig von dem „Beschneidungsurteil“ des LG Köln. Daher war diese Diskussion nicht dermaßen religiös geprägt oder gefärbt. Es ging um den bloßen Zustand eines beschnittenen Mannes bzw. um das Leben eines unbeschnittenen Mannes. Da ich selbst in jungen Jahren beschnitten wurde – obgleich es keine religiösen Absichten hatte – vermag ich über diese durchaus mitzureden aus eigener Betroffenheit in Bezug auf den Zustand. Zur Klarstellung: Ich bin zwar offiziell römisch-katholisch, aber ich übe die Religion in keinster Weise aus und lebe demnach auch nicht.

 

Ich  muss erst einmal festhalten, dass die religiöse Beschneidung hier nicht zu meinem Thema werden soll. Obgleich ich der Meinung bin, dass Kinder erst solchen Praktiken unterzogen werden dürfen, wenn sie kognitiv dazu in der Lage sind selbst zu urteilen und zu entscheiden.

 

Sofern meine Eltern sich das Recht rausnehmen, ohne medizinische Indikation mein Leben maßgeblich zu beeinflussen oder gar in seinem Genuss zu stören oder zu hindern, ist es für mich nicht mehr nachvollziehbar, wieso man sowas tun sollte. Unabhängig davon, dass bei mir eine medizinische Indikation vorlag (wobei ich glaube, dass es andere Wege gegeben hätte), können hierbei immer wieder Probleme auftauchen. Selbstverständlich kann es zu Komplikationen während der Operation kommen (wie bei jeder Operation), doch schwerwiegender sind in meinen Augen die Langzeitschäden die entstehen können.

 

Die große Problematik ist es, dass bei der Beschneidung von Kindern oder noch nicht erwachsenden Menschen, der Chirurg […], wenn er am kindlichen Penis operiert, die angemessene zu entfernende Hautmenge unmöglich genau abschätzen [kann], weil der Penis sich mit zunehmenden Alter des Kindes noch beträchtlich verändern wird, sodass ein kleiner Unterschied zum Zeitpunkt der Operation sich in einen großen Unterschied beim beschnittenen Penis des Erwachsenden verwandelt, daher ist es nicht einmal abzuschätzen, was genau die Beschneidung für Konsequenzen haben kann.

 

Es ist sehr schwer einzuschätzen, wie viele Männer an Langzeitfolgen leiden (müssen). Zu diesem Thema äußern sich die wenigsten Männer bzw. vertrauen sich ihrem Urologen an. Erwachsene scheinen in der Regel, wenn sie als Kind oder Baby beschnitten worden sind, die Komplikationen als „Regelfall“ anzusehen, da sie den Zustand nicht anders kennen. Die Wenigstens Jungen experimentieren vor der Beschneidung herum, wie ihr Penis funktioniert bzw. wissen nicht wie sich natürlicher Geschlechtsverkehr  anfühlt. Daraus leitet sich folglich ab, dass der junge Erwachsene davon ausgeht, dass alles so ist, wie es sein sollte und die Beschneidung an sich sehr harmlos sei. Diesem Gedanken bin ich auch sehr lange aufgesessen. Seit der Zeit in der man(n) sexuell aktiv geworden ist, bis vor 6-12 Monaten war ich mir der Folgen  persönlich nicht bewusst. Stets habe ich es als ästhetischer empfunden und hygienischer (ein UrBeweggrund wieso Männer überhaupt beschnitten werden). Doch dank der Möglichkeit sich ein sprichwörtliches Netz zu spannen im Internet, in dem man sich vernetzt und sich austauscht, ist mir klar geworden und letzten Endes durch die Bestätigung meines Urologen, dass einiges nicht so ist, wie es bei Unbeschnittenen der Fall ist.

 

Randnotiz: Man betrachte einmal die Auswahl an pornographischen Filmen – in den wenigsten kommen unbeschnittene Männer vor, obgleich in den USA die Zahl der Beschnittenen wesentlich höher ist, da es als schön und notwendig in der Pornoindustrie erachtet wird. Es wird uns suggeriert, dass es so besser sei, wenn man beschnitten ist.

 

Die Konsequenzen hat Ali Utlu von den Piraten sehr schön ausgesprochen, wie sie bei mir zu 100% auch vorliegen:

„Ich hatte als junger Mann massive Probleme zum Orgasmus zu kommen. Ich kann das ja ruhig offen sagen, ich hatte Probleme einen Orgasmus zu bekommen, wenn mir einer einen geblasen hat. Und wenn das dann immer ewig dauert, dann nervt einen das und das ist auch peinlich. Der Akt ist damit eigentlich kaputt.“

– hierbei würde ich noch einen Schritt weitergehen wollen. Es kann natürlich nicht nur körperliche Schäden (physisch) geben, sondern auch psychische.  Denn es ist deprimierend, wenn es nicht so funktioniert wie bei meinem Freund, es ist ernüchternd, dass man vom normalen Akt nichts empfindet, es ist niederschmetternd, dass die Erektion nur durch wenige Praktiken gehalten werden kann und beim „eigentlichen“ Sex selten funktioniert und es ist noch viel grausamer, dass die Möglichkeiten zur Wiederherstellung der Vorhaut eigentlich nicht existent ist. Aus all diesen Konsequenzen resultieren nicht nur Minderwertigkeitskomplexe, Ängste und Sorgen, sondern auch die totale Unlust überhaupt noch sexuell aktiv zu werden. Wenige Praktiken machen Spaß und diese sind so intensiv für mein gegenüber bzw. meinen Partner, dass dies auf Dauer sicherlich keine erfüllende Sexualität ist.

 

Problematisch ist es im Übrigen auch, dass im Regelfall der Beschnittene nicht für die nächsten Jahre immer wieder geprüft wird, um mögliche Komplikationen zeitig aus dem Weg zu räumen. Experten raten dazu, dass man als Kind bis zum Alter in dem Mann nicht mehr wächst, sich stetig kontrollieren lassen sollte. Wenige (auch ich zähle dazu) nehmen diesen Rat nicht ernst. Man mag vielleicht keine Schmerzen haben und deswegen nicht zum Arzt gehen, doch kann der Arzt bspw. an der Vernarbung, Haut und anderen Merkmalen erkennen, ob alles ordnungsgemäß verläuft oder nicht und ggf. intervenieren.

 

Kurz möchte ich noch auf die Probleme eingehen, die faktisch belegt sind, die entstehen bzw. in der Regel entstehen können. In der Regel bleibt eine Narbe, die man ein Leben lang behält, auch wenn diese gut verheilen kann. Die Vorhaut ist eine der empfindlichsten Stellen am Körper des Mannes. Sie besitzt ungefähr ~20.000 Nerven die spezialisiert sind für Empfindungen. Auch das Frenulum wird bei der Beschneidung meistens beschädigt oder entfernt – es ist ein Bändchen (wie das Zungenbändchen auf der Unterseite der Zunge). Fehlt dieser natürliche Schutz der Vorhaut, welcher die Eichel umgibt, als auch Feucht hält, kommt es zu einer stetigen Abnutzung der Eichel. Die Eichel bleibt nicht mehr feucht und die Nerven verenden mit der Zeit durch den Abrieb an Unterhosen, Badehosen, Boxershorts etc. Die Schleimhaut der Eichel wird durch die Luft auch beeinflusst und durch die ständigen umweltbedingten Störungen, bildet sich eine Keratin Schicht – so etwas wie eine Hornhaut. Diese Vorgänge lassen einen desensibilisieren. Auch die Ader die bis in die Vorhaut läuft wird in jedem Fall durchtrennt und verästelt sich neu im Penis, so dass es zu Knoten kommen kann. Da die Vorhaut fehlt, ist auch ein natürlicher Gleitfilm nicht mehr existent und es muss Gleitgel für die Masturbation genommen werden oder ähnliches, da es teilweise schmerzhaft werden kann, wenn die Eichel „trocken“ ist. Durch das Masturbieren ohne Hilfsmittel, kann der Penis sehr schnell wund werden, da durch die ständige Belastung die Haut sehr dünn werden kann am Schaft.

 

Was kann man eigentlich dafür tun, dass man wieder besser empfindet bzw. Vorhaut zurückgewinnt? Die Antwort ist ernüchternd, aber ich möchte sie nicht vorenthalten. Es gibt die chirurgische Möglichkeit, doch raten Urologen davon ab, da diese nicht annähernd an das „Original“ heranreicht und oft nicht funktioniert. Die andere Möglichkeit wäre es durch dauerhafte Belastung durch strecken die Vorhaut Stück für Stück zurückzugewinnen, was Jahre dauern kann und als sehr unangenehm deklariert wird.

 

 

Resümee: Niemand darf sich das Recht rausnehmen, Dinge die die Natur gegeben hat, ohne Grund zu schänden oder gar zu verunstalten. Der Körper des Menschen ist ein ganz wundervolles in sich funktionierendes System, welches hochgradig empfindlich bei Veränderung reagiert. Die Vorhaut ist beim Menschen kein Rudiment wie bspw. Behaarung auf den Armen oder an den Beinen oder auch die Weisheitszähne. Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit eines anderen tangiert wird. Dies sollte unsere Maxime sein.

 

 

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Ein Kommentar

  1. Philipp Blum sagt:

    Einige deiner Punkte kenne ich auch. Zum einen ist das Problem der Vertrocknung manchmal echt fies. Wenn man den Penis des öfteren eincremt, kann man Wunde stellen vorbeugen, aber auch ich hatte diese bereits. Sogar Risse sind schon einmal vorgekommen. Das ist keine sehr lustige Angelegenheit, weil es einfach verdammt Schmerzhaft ist. Das später kommen kann sicherlich seine Vorteile haben, aber hat es genauso auch Nachteile. Zwar kann der Partner dadurch mehrere Orgasmen oder sogar intensivere Orgasmen haben, man selbst aber nicht. Daher finde auch ich, dass man dieses Thema viel zu schnell abgewickelt hat, denn die Folgen einer Beschneidung sind gar nicht so gering, wie sie propagiert werden.

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