Reaktionen auf einen Partner

Nun da ist man in Spanien im zweiten Heimatland und lässt die Sonne auf den Kopf brennen. Bei angenehmen 35° und schönen Strand habe ich einige Reaktionen aufgefasst zu meiner neuen Lebenssituation. Rudern wir ein paar Zeiteinheiten zurück: Bis vor kurzen kannte man den Fury [also mich] als Person, die Bigender ist, sprich sich zweigeschlechtliches fühlt und dementsprechend sich nicht auf ein Geschlecht beschränkt, auch bei der Partnerwahl. Also bis zu diesem Lebensabschnitt entschied ich mich konsequent für das weibliche Geschlecht als Partner. Eine Sehnsucht hat sich über Jahre etabliert, und nun trat jemand in mein Leben, mit dem ich einen neuen Abschnitt begehen kann. Wie es wird? Ich habe keine Idee. Wie man ahnen kann, handelt es sich um einen Mann.

Den ersten in meinen Leben, den ich liebe. Vielleicht werde ich mich danach besser einsortieren können. Aber darum soll er per se nicht gehen in diesem Artikel. Interessanter finde ich die Reaktionen der vielen Menschen um mich herum, die ich hier einmal umreißen möchte.

Festhalten muss ich allerdings noch, dass sich diese Liebe vertraut anfühlt, vertrauter, anders und irgendwie richtiger. Wohin dies führen wird, ist mir nicht bewusst. Aber man muss sich ja auch nicht unnötigerweise mit allem auseinandersetzen. Daher versuche ich mal den Rat eines guten Freundes, der mir gestern erteilt wurde, zu befolgen und mir nicht so viele Gedanken zu machen um alles Mögliche, wer wie von einem denkt bzw. was nicht. De facto ist es allerdings so, dass ich mich in einer Phase befinde, wo ich mich finden werde. Möglicherweise doch nicht Bisexuell und doch Homosexuell? Spielt ja eigentlich gar keine Rolle. Aber die Gesellschaft indoktriniert einem, dass es wichtig wäre, zu wissen was man ist. Schwachsinn zum Quadrat.

Als ich auf Twitter bekannt gegeben habe, dass ich nun einen Mann liebe und in Facebook (lediglich) steht, dass ich eine andere Beziehung habe, kamen die üblichen Verdächtigen aus den Löchern des Voyeurismus und fragten nach dem: „Wieso, Warum und Weshalb – wie konnte das passieren?“ – nun da fragt mich erst einmal: Habt ihr eigentlich gar keine Hobbies? Bin ich ein anderer Mensch, nur weil ich nun mit einem Mann zusammen bin? Natürlich nicht. Ich bin immer noch ich. Ob es euch passt oder nicht.

Die homosexuellen in meiner Timeline freuen sich über den neuen Zustand, sei es auch Eigennutz oder weil sie sich einfach freuen. Das lasse ich gerne einmal so stehen. Viel Zuspruch kommt dort auf mich zu, wie: „@The_Fury_Pirat Oh ein ganz junges Glück 🙂 Na das freut mich für Euch! @lcb01“ (Quelle @FanVonPolitik). Eine Randnotiz: Alle hier zitierten Tweets und Angaben sind öffentlich einsehbar. Nun das soll ein Beispiel sein. Zuspruch tut sicherlich immer gut.

Nun doch zur Kehrseite der ganzen Reaktionen. Natürlich gibt es einige die seltsame Dinge von sich lassen. Darunter Menschen, bei denen ich dachte, sie würden nicht so reagieren. Es gab Reaktionen von nahen Verwandten, die zwar meine Person als solche akzeptieren, auch meine homosexuellen Tendenzen, da ich diese nie versteckt habe, aber so Recht nehmen sie diese nicht an. Kommentare durfte ich (fernmündlich) hören wie (sinngemäß): „Ich habe bereits mit einigen aus der Familie gesprochen, die haben das immer geahnt“, „Pass auf bei schwulen fängt man sich leicht Krankheiten ein“, „Dann kann ich ja gar keine Enkelkinder bekommen, aber damit muss ich mich abfinden“ oder auch „Du hast schon immer schwul gewirkt, aber ich wollte dich nicht drauf ansprechen“. All diese Kommentare haben ein „Geschmäckle“ wie man sagen würde. Es klingt nicht nach Akzeptanz – im Gegenteil es ist pure Toleranz und das auch nur, weil man verwandt ist. Andere sagen so was: „Ich würde nicht sagen, dass du schwul wirkst … das hört sich so negativ an“ – nun was hält man davon? Es scheint immer noch nicht normal in dieser Gesellschaft zu sein, dass man sich egal in wen einfach liebt? Das deprimiert mich sehr. Spielt es überhaupt eine Rolle, ob ich einen Mann, eine Frau oder ein Eichhörnchen liebe? Meines Erachtens nicht. Doch woher rührt dieses Wegschauen? Die Antwort liegt für mich auf der Hand: Es wird nicht doziert als normales Leben, als normale Liebe. Ich habe selbst das Gefühl, wenn ich mich meinem Freund unterwegs bin und Händchen halte, dass ich begafft werde wie ein Affe. Ein Affe wie aus Woyzeck, den man über das äußerliche Erscheinungsbild definiert – doch das ist falsch. Diese Aufmerksamkeit genieße ich allzu gern, denn damit kann man schocken und provozieren und wenn es nur mein Beitrag ist, um diese Homophobie Herr zu werden.

Interessant sind über dies hinaus auch die Reaktionen von manchen heterosexuellen Pärchen, die denken, nur weil ich mit einem Mann zusammen bin, möchte ich deren Kerl nun abschleppen. Bitte was? Ich fand vorher Männer bereits sexuell anziehend – ich bin doch nicht „schwuler“ oder „notgeiler“ weil ich jetzt mit einem Mann aktiv mein Leben gestalte? Als Bisexueller erfuhr ich solche Schmach überhaupt nicht. Aber als Bisexueller/Homosexueller der mit einem Mann zusammen ist, werde ich auf eine niedrigere Stufe degradiert? In was für einer degenerierten Gesellschaft leben wir eigentlich?

Auch Bitten wie „Verhalte dich bitte nicht schwul, wenn wir unterwegs sind oder küss bitte nicht mit deinem Freund“ widern mich nur an. Weitere Kommentare wie „Ich hab es schon immer gewusst“ empfinde ich als deprimierend und als verletzend, weil ich persönlich empfinde es nicht so, dass man es bemerkt, ob jemand schwul ist oder nicht. Man kann es vielleicht ahnen. Doch ich bin weder tuckig noch renne ich im Regenbogenkostüm herum. Das Bigendertum hat es in sich, wenn ich mich als Frau fühle, dass ich etwas feminin wirke. Na und?

Ich stehe dazu, dass ich gerne mit Männern kuschle, küsse oder sonstigen Aktivitäten nachgehe, und das ist mein verbrieftes Recht. Auch Deutschland hat eine „Verfassung“, die es gleich stellt. Auch wenn es rechtlich noch nicht komplett gleich ist. Gesetze spiegeln immer die Gesellschaft wieder, also müssen wir die Gesellschaft ändern und dahinbekommen, dass es als „normal“ betrachtet wird. Wieso gelingt es nicht? Wieso war es vor Jahrtausenden in Rom und Athen üblich, dass Männer Sex hatten mit anderen, aber jetzt nicht mehr? Vor allen Dingen ist es nicht nur Sex, was Männer miteinander haben kann. Der Zeitpunkt an dem ich meinen Freund küssen kann, ohne dass ich sonderlich begafft werde, ist der Zeitpunkt, an dem wir triumphieren werden und endlich als normal erachtet werden. Ich meine: Wieso freut sich jeder, wenn Frauen miteinander küssen, aber nicht, wenn es zwei Männern tun? Der Ästhetik wegen, wurde mir oft gesagt. Ich persönlich finde zwei Männer wesentlich ästhetischer. Bleibt mir fern mit euren Schubladen, in die ihr die Menschen steckt. Passend steht es bei @Donnerbeutel im Profil in Twitter: „Steck mich in ne Schublade, dann zerschlag ich deinen Schrank!“

Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, wo folgendes normal ist: „Beim Militär verliehen sie mir einen Orden, weil ich zwei Männer tötete, und entließen mich, weil ich einen liebte.“ (Quelle: Leonard Matlovich, Grabinschrift) – um es mit den treffenden Worten von Klaus Wowereit zu sagen vor einem Delegiertenparteitag: „Ich bin schwul und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen.“

Alle meine Impressionen sind subjektiv, und deswegen möchte ich mit einem Schlusszitat das sagen, was mein Credo zurzeit ist: „Ich war nicht davon überzeugt, dass ich schwul bin, bis ich mich zum ersten Mal in einen Mann verliebt habe. Von da an war es klar. Es geht nicht darum, ob du mit einem Mann oder einer Frau ins Bett gehst, sondern in wen du dich verliebst.“ – George Michael

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Danke für deine Aufmerksamkeit

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5 comments

  1. Ich bin zwar ’nur‘ hetero, aber kenne durchaus das Problem, Es soll m.E. jeder Mensch l(i)eben wie er will. Was die Umwelt/Gesellschaft erwartet ist irrelevant.
    Es gibt, glücklicherweise immer mehr Menschen, die das akzeptieren.
    Der Wandel von Ablehnung über Toleranz zur Akzeptanz ist lang und steinig.
    Aber jedes Vorbild das gelebt wird beschleunigt die Entwicklung.

  2. bista100 sagt:

    Es ist scheißegal was andere denken. Das einzig wichtige ist dass es dir gut geht. Ich weiß so etwas ist leicht daher gesagt, aber ich hoffe einfach du lässt dich von den Idioten da draußen nicht zermürben und machst weiter dein Ding. Ich freue mich für dich und bitte dich genieße den jetzigen Zustand und lass die Leute reden.

  3. Nathy sagt:

    Ich finde das ganze eh merkwürdig, ehrlich gesagt. Sowohl „Ih das da ist homo!“ als auch „ICH bin homosexuell, daher per se schonmal offener und toleranter als ihr alle zusammen“. Im Grunde ist es doch nämlich scheiß-e-gal. MICH interessiert weder wann noch wen meine Nachbarn vögeln.

    Das ganze Thema ist irgendwie schrecklich überholt und es ist traurig wie BEIDE SEITEN (das möchte ich betonen – bei einigen leuten darf man das wort „heterosexuell“ nur ganz leise in den Bart nuscheln) damit teilweise umgehen.

    ich kann homophobie nicht ab. Aber ich muss mich auch nicht von Weibern begrabschen lassen ohne auf Hilfe hoffen zu können weil es ja „nur girl to girl“ ist, oder mir sagen lassen, wie spießig und engstirnig ich bin, weil ich meinen Kerl am liebsten vor Testosteron triefen sehe.

    Vögelt wen ihr wollt, liebt wen ihr wollt – passt. Aber seine Sexualität sollte man weder als Waffe zur geistigen Überlegenheit nutzen, noch anderen aufzwängen wollen. Das sollten vielleicht mal alle lernen, herrgott.

  4. Jazzle_Bee sagt:

    Erschreckend find ich vorallem solche Aussagen, die implizieren, dass Homosexualität unnormal sei…selbst die Natur zeigt uns doch, dass es vollkommen normal ist. Beispiel: Eine Freundin von mir hat zwei schwule Schildkröten, die eine sehr harmonische Paarbeziehung haben.
    Aber natürlich muss der Mensch so dumm sein und alles degradieren, was nicht der Fortpflanzung im eigentlichen Sinne zuträglich ist.
    Alles Meinungen die mich aufregen!

    Übrigens, Fury, wenn es dich beruhigt: Ich finde, dass zwei sich küssende Männer auch eine sehr besondere Ausstrahlung haben und finde es sogar schöner als küssende Frauen – vielleicht weil Lesben schon viel zu sehr durch die Medien sexualisiert wurden.
    Ist aber nur meine Meinung 😉

  5. […] als auch deswegen, dass ich selbst vor einiger Zeit einen Beitrag “Reaktionen auf einen Partner” diesbezüglich […]

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