Politik heißt nicht nur Stammtische zu besuchen

Zurzeit gründen sich sowohl bei den Piraten in NRW als auch bei den Jungen Piraten in NRW diverse Stammtische, Arbeitsgruppen und vor allem Arbeitskreise. Doch woher kommt dieser Gründungswahn? Konnte man zur letzten Kommunalwahl nicht auch Wahlprogramme aufstellen an Stammtischen? Es gründen sich auch Kreisverbände wie der Remscheider Kreisverband mit 36[1] Piraten, wobei sich ein Kreisverband erst ab 25 vollzahlenden Mitgliedern rechnet.

Durch die Landtagswahlen in Berlin, im Saarland, Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen sind die Piraten sehr bekannt geworden. Hierdurch wurde die Bevölkerung aufmerksamer auf uns Piraten und ein wahrer Mitgliedersturm ist zu verzeichnen. Allein im Kreis Mettmann, in dem ich 2 Jahren Büropirat seit  bin, stieg die Mitgliederanzahl von 2009 – September 2011 nur marginal (Gesamtanzahl: 35 Piraten im gesamten Kreis). Als die Berlinwahl stattgefunden hat und die Piraten das erste Mal in einen Landtag gekommen sind, explodierten die Mitgliederzahlen. Sie kletterten bspw. im Kreis Mettmann von 35 auf 130 Mitglieder (371% Wachstum). Schleswig-Holstein und das Saarland haben im Kreis nur marginal dazu beigetragen,  dass die Zahlen anstiegen. Das mag vor allem daran liegen, dass die Landtagsauflösung in NRW dem vorgegriffen hatte. Bis zur Wahl stiegen die Mitgliederzahlen von 130 auf 155 (19% Wachstum)  Mitglieder und nach der Wahl stehen wir im Moment bei 165 Mitgliedern, wobei hierbei noch nicht alle eingeflossen sind, da Anträge noch bearbeitet werden.

Daraus resultiert eine gesteigerte Form an Willen in der Masse der Mitglieder sich politisch einzubringen und programmatisch, strukturell usw. zu arbeiten. Im Kreis Mettmann gab es bis 2011 zur Berlinwahl einen Stammtisch in Ratingen und in Monheim. Darüber hinaus gab es noch einen Arbeitskreis Kommunalpolitik Ratingen. Man muss beachten, dass der Kreis Mettmann der am dichtesten besiedelte Kreis in NRW ist und der größte Flächenkreis[2]. Er hat circa 500.000 Einwohner und teilt sich in 4 Wahlbezirke (Mettmann I – 36, Mettmann II – 37, Mettmann III – 38, Mettmann IV – 39) für Landtagswahlen in NRW.  Der Kreis Mettmann setzt sich aus 10 Städten zusammen: Ratingen, Mettmann, Monheim, Wülfrath, Erkrath, Velbert, Hilden, Langenfeld, Haan und Heiligenhaus.

Nach der Landtagswahl in Berlin gründeten sich dann: Stammtisch Velbert & Arbeitskreis Kommunalpolitik Velbert, Stammtisch Mettmann. Darüber hinaus im neuen Jahr 2012 gründeten sich noch: Stammtisch Hilden/Haan, Stammtisch Erkrath. Nächste Woche (am 12.06.2012) gründet sich der Arbeitskreis Kommunalpolitik Hilden(/Haan?). Man kann also schlussfolgern, dass durch die Wahlen sehr viele Interessierte dazu gestoßen sind, die nun auch etwas erreichen wollen im lokalen Bereich. Selbstverständlich gibt es verschiedene Interessen: Die einen treten ein um die Piraten als Karriereleiter zu nutzen – als Steigbügel, die anderen weil sie politikverdrossen sind, andere aus Frust und wiederum andere wollen sich die Piraten nur anschauen. Sicherlich gibt es Viele die aus eigennützigen Motiven mitmischen wollen, was aber völlig normal und durchaus legitim ist. Denn die Masse ist keine Tyrannei – nein – in ihr zu vertrauen wird beweisen, dass Karrieristen und „attention whores“ ausgesiebt werden.

Des weiteren: betrachten wir die NRW INFO Mailingliste stellen wir fest, dass sich noch mehr Arbeitskreise und Ähnliches gründen, um programmatisch arbeiten zu können (heißt es). Doch nutzt die blanke Struktur nichts, wenn keiner dabei ist, der die Fähigkeit hat es voranzutreiben, zu lenken und zu koordinieren. Als Koordinator für den Arbeitskreis Kommunalpolitik Ratingen ist es bereits nicht einfach die Menschen zu motivieren, weiter zu bringen und auch programmatisch etwas zu bewegen. Sicherlich werden auch Arbeitskreise und andere Formen gegründet um sich zu profilieren. Es ist ein Jammer, dass so viele denken, man könne nur „arbeiten“, wenn man sich in eine Struktur presst. Programmatik entsteht nicht durch den Besuch eines Stammtisches, eines Arbeitskreises oder sonstigem. Programmatik bedeutet sich Gedanken zu machen: Was läuft schief? Wie kann man es ändern? Welche Visionen können wir haben? Wieso ist es schief gelaufen? Nicht nur an den Symptomen herumdoktern. Mal auf eigene Initiative arbeiten und dies in den Arbeitskreis und Co einfließen lassen. Mit der Gruppe zusammen zu entwickeln.

Ich persönlich erlebe es oft, dass die Besucher und Mitglieder des Arbeitskreises Kommunalpolitik Ratingen sich oft von mir als Koordinator nur leiten lassen. Es entstehen nicht immer lebhafte Diskussionen. Oftmals muss man um eine Meinung bitten oder im Extremen sogar betteln. Wir müssen weg von dem Gedanken, dass einer das ganze leitet. Es muss zusammengearbeitet werden und das ohne einen „Führer“. Sicherlich haben wir Koordinatoren als Ansprechpartner und für Presse ist dies sicherlich auch interessant. Doch der Hierarchiewahn lässt uns blind werden und behindert uns selbst.

Wir sind eine kasse Truppe – ein bunter Haufen und um @Ballerstaedt zu zitieren: „Die Piratenpartei ist ein Haufen großartiger Freaks, netter Leute und Visionärer. Und zu allem Überfluss machen sie auch noch tolle Politik 😉„[3] Doch müssen wir unsere Energie viel mehr nutzen, um programmatisch zu arbeiten – nicht auf Mailinglisten Marginalien diskutieren – nicht 1000 Mailinglisten für jeden Klecker Krams anlegen – nicht 31 Kreisverbände gründen (31 Gesamtzahl an Kreisen in NRW) und vor allen Dingen muss man sich nicht in irgendeine Struktur pressen, um arbeiten zu können. Redet miteinander am Stammtisch, tauscht euch aus, moderiert auch schon mal einen Stammtisch, wenn es denn nötig ist um voranzukommen. Nur bitte keine Synergien verschwenden.

 

 

 

Quellen:

[1] https://verwaltung.piratenpartei-nrw.de/#user_stats

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Mettmann

[3] http://wiki.piratenpartei.de/NRW:Landesparteitag_2012.3/Kandidaten#Beisitzer

 

 

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4 comments

  1. Ralf sagt:

    Hallo Gabriel,

    im großen und ganzen stimme ich Dir zu. Übereiltes Handeln und Strukturen der Strukturen willen zu schaffen halte ich auch für den falschen Weg. Vielleicht erklärt sich dadurch auch ein wenig, dass es einige Rücktritte gab auf Bundesebene wegen „Erschöpfung“. Vielleicht müssen wir mehr Gelassenheit haben und Dinge auch mal chaotisch werden lassen und nicht alles zu sehr kontrollieren wollen.

    Eine Frage: Wie wenn nicht durch einen AK Kommunalpolitik wollen wir in den Städten dann ein Programm für die nächste Kommunalwahl aufstellen? Ich hatte es so verstanden, dass das gerade die Aufgabe des AKs sei, Anträge für ein Programm zu erstellen, über das dann von allen Mitgliedern abgestimmt werden soll und dann ein Programm zu gießen. Sicherlich könnte man das auch über den Stammtisch machen, aber wie sinnvoll ist das?

    Gruß
    Ralf

    • The Fury sagt:

      Ahoi Ralf,

      Danke für den Zuspruch.

      Zu deiner Frage: Es gibt auch Stammtische die Kommunalwahlprogramme erstellt haben. Finde den Link gerade leider nicht, sonst würde ich es verlinken. Mein Beitrag richtet sich auch eher an die Gruppen die etwas gründen, aber nicht arbeiten. Sicherlich ist ein Arbeitskreis eine sinnvolle Idee, wenn man denn auch arbeitet. Er ist in erster Linie für Programmanträge und Ähnliches gedacht. Deswegen befürworte ich durchaus Arbeitskreise und Ähnliches – man könnte auch einen reinen Arbeitsstammtisch machen, aber der ist für Gäste nicht so attraktiv. Für Mettmann (euch gibt es ja lang genug und ihr kennt euch aus 🙂 ) ist ein Arbeitskrelis für Kommunalpolitik sinnvoll. Ihr wollt ja auch arbeiten und vorankommen. Deine Ausführungen sind soweit korrekt – auch ein Stammtisch stößt an seine Grenzen. Ihr solltet mittlerweile auch genug Melnschen haben, die sich für Kommunales interessieren. Früher (vor der alten Satzung) ergoss sich die Arbeit eher aus Crews. Also bleibt beim Arbeitskreis. Ich begleite euch auch in der strukturellen Aufbauarbeit.

      Piratige Grüße

  2. Marc K sagt:

    Hi Gabriel,

    das Hauptproblem mit den Strukturen ist im Grunde, daß die meisten Menschen meinen sie bräuchten welche um produktiv zu sein. Das ist eine rein erziehungstechnische Sache, denn wir haben es von klein auf gelernt, dass es immer gewisse Regeln und Strukturen gibt, die es einzuhalten gilt. Fehlende Strukturen setzen wir nur allzu oft gleich mit Chaos und somit Unproduktivität. Diese Denkweise aufzubrechen ist ein schwieriger Prozess. Etwas das wir alle (und da nehme ich mich selber absolut nicht von aus) erst einmal lernen müssen. Die Art und Weise wie die Piraten arbeiten ist für viele ein ziemliches Neuland. Man kann aber keinen Schalter umlegen und sofort anders agieren, als man es im Laufe viele Jahre gelernt hat (selbst wenn man es will, klappt es nicht 100%tig). Daher brauchen wir eine gewisse Struktur, auch wenn diese rein zur Orientierung ist. Sowohl für uns als auch für die Wahrnahmung der Außenwelt. Die Trennung Stammtisch-AK Kommunalpolitik finde ich völlig OK (wobei so wirklich trennen läßt sich das, zumindest was den aktiven Kern angeht auch nicht).

    Bis denne…
    Marc
    Und aus dieser eingetrichterten Denkweise entspringt auch der Wunsch vieler Leute nach einem, der das Sagen hat… einem Taktschläger halt. Immer wenn sich irgendwo Menschen zusammentun (Partei, Verein etc..) gibt es immer einen oder eine kleine Gruppe, welche die Aktivposten sind und damit die Taktschläger. Manche rutschen einfach in diese Rolle hinein, andere machen es gezielt. Beides ist grundlegend erst einmal OK, bei den letzteren muss man allerdings aufpassen, ob der Antrieb die Sache und Idee an sich oder die MAcht ist, die eine solche Position mit sich bringt. Letztere haben wir auch in der Piratenpartei, da machen wir uns mal nichts vor. Und ich hoffe, daß Du recht hast, das diese nach und nach von der Schwarmintelligenz ausgesiebt werden.

  3. linked site sagt:

    linked site…

    Politik heißt nicht nur Stammtische zu besuchen | @The_Fury_Pirat…

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